Euroletter Nr.4

               

Woinemer Euroletter Nr. 4

Mai 2019

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Editorial

 Liebe Leserin, lieber Leser,

gestern von 74 Jahren war der mörderische Zweite Weltkrieg mit über 55 Millionen Toten zu Ende, am gleichen Datum vor 70 Jahren, nämlich am 8. Mai 1949 beschloss der Parlamentarische Rat das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und am 9. Mai 1950  erklärte der französische Außenminister Robert Schumann : „Die französische Regierung schlägt vor, die Gesamtheit der französisch-deutschen Kohle- und Stahlproduktion einer gemeinsamen Hohen Behörde zu unterstellen, in einer Organisation, die den anderen europäischen Ländern zum Beitritt offensteht.” Bundeskanzler Konrad Adenauer, nur wenige Stunden vorher informiert, stimmte dem Plan sofort zu. Der Grundstein eines vereinigten Europas war gelegt.

Sind all diese Erinnerungstage nicht ein Grund zum Feiern? Natürlich! meinen wir und freuen uns sehr, dass am Sonntag 14 Chöre am Blauen Hut ein ganz besonderse Geburtstagsständchen singen werden, das vielstimmig mit der Europahymne an den schönen Götterfunken Freude enden wird.

Stimmen Sie mit ein, und  stimmen Sie am 26. Mai für ein freies und friedliches Europa: Wir brauchen es und es braucht Sie und uns alle!

Vorher freilich wäre es schön, wenn Sie sich am 4. Woinemer Euroletter erfreuen.

Beste Grüße
Ihre


Alexander Boguslawski und Adalbert Knapp

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Aus dem Nähkästchen

Udo di Fabio, Verfassungsrichter a.D., Jurist also und auch noch Soziologe, ist ein kluger Mensch, der z.B. meint, der Nationalstaat sei „immer noch eine revolutionäre Idee, der Garant von Freiheit, Demokratie und Vielfalt. Dessen modern gewordene Verteufelung mache er nicht mit“. Darum geht es hier freilich (noch) nicht. Di Fabio hat im vorigen Jahr ein Buch über die Weimarer Republik geschrieben. In Zusammenhang mit seiner Weimar-Analyse meint di Fabio, es gäbe bei uns wohl ein Misstrauen gegen Institutionen.

Das teilen wir grundsätzlich und als „Doch-Europäer! natürlich nicht. Wir sind auch überhaupt nicht politik- oder gar parteiverdrossen. Freilich beschleicht uns dann doch hie und da etwas, was danach aussehen könnte. Da fragen wir im Herbst des vergangene Jahres mehrmals im Büro des Europakommissars Günter Oettinger an und bekommen nicht eine einzige Antwort, wir fragen mehrmals den ehemaligen SPD-MdB Gernot Erler an, auch keine Antwort, dann veranstalten die Jusos Rhein-Neckar am gleichen Abend wie unsere Initiative einen Abend mit Gernot Erler, den sie kurzfristig wegen der Nichtverfügbarkeit des Referenten absagen müssen und wir mailen unverdrossen, ob man nicht die geplante Ersatzveranstaltung gemeinsam angehen könnte. Kein Erler und keine Antwort der Jusos auf die Anfrage. Und jetzt kommt der Hohe Kommissar Günter Oettinger am 12. Mai, im Schlosspark erklingen die Stimmen für Europa, ins Alte Rathaus nach Weinheim. Von einem CDU-Kollegn vor Ort hören wir, dass Oettinger immer sehr daran interessiert sei, mit den Menschen in Kontakt zu treten. Aha, wie schön.

Und weil wir ganz überparteilich sind, sei noch die Geschichte von Martin Schirdewan, erzählt, auf den die Europa-Runde am 11. April ganz umsonst gewartet hat, weil es zwar nicht sein Büro aber zwei andere beteiligte Büros  in Berlin und Baden-Württemberg vergeigt hätten. Die Entschuldigung verbinden sie mit dem Hinweis, dass sie Hunderte von Anfragen bekämen. Das klingt nicht nach Politikverdrossenheit von uns Volk sondern eher nach, ja nach was?

Wir freilich freuen uns, dass alle anderen Gäste am 11. April da waren und 200 Leuten ihre Vorstellungen von Europa erläutern konnten. Also klar: „Doch Europa!”

Adalbert Knapp

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On the Road

Am Samstag treten wir von 10:00 bis 13:00 Uhr am Karlsberg mit einem Informationsstand in einen fairen Wettbewerb mit den  kommunalwahlkämpfend künftigen Stadtmüttern und -vätern. Gemäß dem Motto „beim Lokalhandeln  globaldenken” wird es keinen Gegensatz  zwischen „Woinem first” und „Doch Europa!” geben!

Schauen Sie vorbei!

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Aktuell

Stimmen für Europa
Großes Chorkonzert am Blauen Hut im Weinheimer Schlosspark  am 12. Mai

Zum Finale eine gemeinsame Ode an die Freude

„Stimmen für Europa” – so heißt durchaus im doppelten Wortsinne eine Veranstaltung, die am Sonntag, 12. Mai, in Weinheim den Höhepunkt einer Kampagne zur Europawahl darstellt. Eine breit angelegte Bewegung namens „Doch Europa!” informiert und motiviert schon seit Monaten die Menschen in der Stadt und der Region, die Europawahl am 26. Mai wichtig zu nehmen und sich daran zu beteiligen. „Stimmen für Europa” kann daher als Wahlaufruf verstanden werden, bei der Europawahl seine Stimme abzugeben.
Gleichzeitig steht das Motto aber auch für die größte Chor-Veranstaltung, die es wohl in Weinheim je gegeben hat. Von 12.30 Uhr bis etwa 17.45 Uhr treten auf der Bühne am Blauen Hut höre und staune 16 Chöre aus Weinheim und Umgebung auf.

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Wohin des Wegs, Europa?

Prof. Dr. Peter Graf Kielmansegg im Gespräch mit
Dr. Adalbert Knapp

Weil das Projekt der Einigung Europas fraglos historischen Rang hat, war man jedenfalls in Deutschland über Jahrzehnte der Auffassung, es dürfe darüber nicht gestritten werden. Das Beinahe-Scheitern der Währungsunion hat gezeigt, dass das dem Projekt nicht gut bekommen ist. Wir wissen nun, dass das schlichte, „Immer engere der europäischen Vertragsrhetorik kein verlässlicher Wegweiser ist. Die Frage, wie es weitergehen solle mit dem europäischen Projekt, stellt sich angesichts deutlicher Tendenzen der Distanzierung vom europäischen Projekt (Brexit, Italien, die ostmitteleuropäischen Mitgliedsstaaten) mit zunehmender Dringlichkeit. Man muss sie ohne Konsenszwänge diskutieren. Mit einem einfachen „Weiter so” wird man den Fliehkräften nicht erfolgreich entgegenwirken können.
Peter Graf Kielmansegg war von 1971 bis 1985 Professor an der Universität zu Köln, von 1985 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2002 Professor für Politische Wissenschaften an der Universität Mannheim. Von ihm erschien 2015 die Sammlung von Aufsätzen „Wohin des Wegs, Europa?”

Donnerstag, 16. Mai 2019, 19:00 Uhr, Volkshochschule, Luisenstraße 1.

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Die Jugend spricht für Europa

Veranstaltung mit Live-Musik am Sonntag, 19. Mai, auf dem Weinheimer Marktplatz

Die Europawahl rückt immer näher.  Das Bündnis „Weinheim bleibt bunt” als Unterstützer der Initiative “Doch Europa!” will die bislang vielleicht wichtigste Europawahl auch für junge Menschen interessant machen. Dabei schöpft das Bündnis aus jahrelangen Erfahrungen mit „bunten Schülerspaziergängen” und will am Sonntag, 19. Mai, also eine Woche vor der Wahl mittags um 14 Uhr möglichst viele Jugendliche aus Weinheim auf dem  Marktplatz versammeln und für die europäische Idee begeistern. Die Aktion schließt sich auch den Veranstaltungen von „Pulse of europe” vor zwei Jahren an.
Eine Woche nach dem großen Chorkonzert „Stimmen für Europa” im Weinheimer Schlosspark stehen an am 19. Mai im Mittelpunkt kurze Ansprachen von jungen Menschen, die ein besonderes Verhältnis zu Europa haben. Sprechen werden zum Beispiel Jugendgemeinderat Elias Furlan Carno, Tom Bürmann, dessen Mutter Engländerin ist, Laura Tomasi und André de Sá Pereira, er hat portugiesische Wurzeln. Es werden aber noch weitere junge Menschen gesucht, die sich an diesem Tag in einem kurzen Statement aus ihrer Sicht zu Europa äußern (wer Lust hat, bitte an Pressesprecher Roland Kern wenden r.kern@weinheim.de).
Dazu gibt es junge Weinheimer Unplugged-Live-Musik zum einen von Jochen Pöhlert mit Lynn Giegrich und Band sowie von Dominik Maciejewski. Die Veranstaltung soll etwa zwei Stunden dauern.

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Wahlomat zur Europawahl

Auch für die Wahlen zum Europa-Parlament gibt es einen Wahlomat!

Sie wissen noch nicht, welche Partei Sie wählen wollen oder würden gerne wissen, ob Sie wirklich die RICHTIGE wählen? Der Wahlomat  kann Ihnen helfen: Alle 41 Parteien und politischen Vereinigungen haben die Wahl-O-Mat-Thesen beantwortet. Jetzt sind Sie an der Reihe: Vergleichen Sie Ihre Standpunkte mit den Antworten der Parteien.

Der Wahl-O-Mat ist keine Wahlempfehlung, sondern ein Informationsangebot über Wahlen und Politik, also: Bei Risiken und Nebenwirkungen …

Wenn Sie Nebenwirkungen in Kauf nehmen, schauen Sie sich die Positionen einzelner Parteien zur Europawahl an.

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Stimmung in Europa

Wenn Sie nicht nur Stimmen für Europa sondern auch die Stimmung in unserem schönen  Kontinent interessiert, dann können Sie Ihr Infomationsbedürfnis hier befriedigen.

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Einig im Rolf-Engelbrecht-Haus: “DochEuropa!”

Am 11. April rief die Initiative „DochEuropa!” die Bürgerinnen und Bürger zum Treffen ins Rolf-Engelbrecht-Haus. Anlässlich der Europaparlamentswahlen vom 23.Mai bis 26.Mai  hatte man fünf Kanditatinnen und Kanditaten aus der weiterläufigen Region eingeladen: Andreas Glück (FDP), Bernd Barutta (Freie Wähler), Anna Deparnay-Grunenberg (Bündnis 90/Die Grünen), Moritz Oppelt (CDU) und Dominique Odar (SPD).
Roland Kern, Dr. Adalbert Knapp und Dr. Alexander Boguslawski – letztere beide sind zugleich die Initiatoren der Veranstaltung der Kampagne „Doch Europa!“konnten über 200 zumeist junge Leute begrüßen, europäisch-musikalisch begleitet von der Gruppe „Ivo & Friends”.

Zunächst gab es eine Gesprächsrunde mit BürgerInnen und Bürgern, die alle  Eines gemeinsam hatten, nämlich, wie man sagen könnte, eine „europäische Biographie”. Iván Furlan-Cano, Stella Kirgiane-Efremidou, Dieter Maupai, André Salazar und Prof. Sandor Vaja erzählten von ihren zweiten Heimatsländern wie Spanien, Italien oder Ungarn, davon, wie es nicht immer leicht aber dennoch schön sei,  mehrere Heimatländer zu haben. Von Europa wünschten sie sich mehr Zusammenhalt in schwierigen Zeiten, Freiheit, reflektiertes Verhalten und keine Isolationspolitik.
Schließlich kamen die Politiker zu Wort: Die zwei  Kandidatinnen und drei Kandidaten (Martin Schirdewan von der Linken war nicht erschienen)  sprachen über verschiedene Themen in Bezug auf Europa und sollten dabei möglichst kurz und direkt auf die jeweiligen  Fragen antworten. Das fiel nicht immer leicht. Gerade bei Themen wie FridaysForFuture oder Urheberrecht war es den Politikern wichtig, dem teils sehr jugendlichem Publikum ihre Ansichten zu schildern und dabei manchmal auch differenziert zum Standpunkt der eigenen Partei zu stehen. So fand jeder von ihnen das Engagement der für die Umwelt streikenden Schüler löblich- auch FDP-Mitglied Glück, der zwar die Konkurrenz von Schule und Streik in Frage stellte, sich aber der umstrittenen Aussage seines Parteichefs Christian Lindner, die Schüler sollten den Klimaschutz den Profis überlassen, nicht anschließen wollte. Moritz Oppelt wies darauf hin, dass Klimapolitik auch immer wirtschaftlich sein müsste, um wirklich wirksam zu sein.
In Sachen Urheberrecht und Artikel 13 sprachen sich alle fünf zwar dafür aus, waren sich aber der Probleme bei der Durchführung und der Zensurgefahr durchaus bewusst und zeigten Verständnis für die Sorgen des Publikums. Es wurde aber auch klargestellt, dass die großen Internetfirmen wie Google auch mehr zu einer Lösung beitragen könnten und nicht zwangsläufig die Opfer des Reform wären.
Natürlich wurde auch der Brexit thematisiert. Es kam die Frage auf, was für eine Bedeutung er für Europa haben würde. Anna Deparnay-Grunenberg bezeichnete den Brexit als Wecker für menschenferne Politiker. Andreas Glück sah aber auch einen positiven Aspekt: Der Brexit habe  zur Politisierung der jungen Leute geführt. Sein Appell an die Jugendlichen im Saal: Sie sollen sich ihr Europa nicht wegnehmen lassen.
Am Ende blieb noch etwas Zeit für Fragen aus dem Publikum, welche die Möglichkeit boten, nochmal tiefer in ein Thema einzudringen, teilweise aber auch neue Themenbereiche behandelten. So zum Beispiel von Iván Furlan-Cano bezüglich einer Re-Etablierung der Seenotrettung. Die Politiker stimmten ihm dabei alle zu, jedoch sei es auch wichtig, Flucht-Ursachen zu bekämpfen und eine geregelte Asyl- und Einwanderungspolitik zu erreichen. Man solle eine größere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit afrikanischen Ländern anstreben, um den Leuten vor Ort zu helfen.
Abschließend verabschiedete Roland Kern das Publikum und sprach einen Dank an alle Besucher aus. Insgesamt hatten die Politiker zwar durchaus unterschiedliche Meinungen und Standpunkte, waren sich aber in ihrer europäischen Überzeugung alle einig – Doch Europa!

Fred End

Ein Video der Weinhheimer Jugendmedien gibt es auch
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„Ach Ungarn!“

Der ungarischer Schriftsteller Péter Fábri spricht vor 120 Schülern

Am Morgen nach seinem Vortrag in der Volkshochschule kam Péter Fábri ins Werner Heisenberg Gymnasium und gab einen lebendigen Bericht über die Geschichte und die aktuelle Lage seines Landes, dem er den Titel „Land des Übergangs” gab. Eingeladen war er von der Initiative „Doch Europa!. Rund 120 Oberstufenschüler des WHG und des Bonhoeffer-Gymnasiums folgten seinen Worten und der anschließenden Diskussion. Das Ziel war, mehr über ein Land zu erfahren, das gerade vielfach für seine autoritäre Regierung kritisiert wird, von dem aber wenig über seine Geschichte und Gesellschaft bekannt ist. In einer Zeit, in der sich viele Menschen fragen, was eigentlich die Gemeinsamkeit im vereinten Europa ausmacht und manche EU-Regierungen zweifeln, ob sie überhaupt in der EU bleiben wollen, ist die Beschäftigung mit solchen „schwierigen Partnern” besonders wichtig. Péter Fábri ist ein 65 Jahre alter Intellektueller, Lyriker, Theaterautor und Essayist, der mit großem Verständnis aber auch mit großer Sorge auf sein Land schaut.

Republik ohne Republikaner

Zunächst macht er klar, dass Ungarn eine äußerst wechselvolle Geschichte hinter sich hat. Fremde Mächte beherrschten das Land, im 16. Jahrhundert die Türken, im 20. Jahrhundert die Russen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden dem Land große Gebiete weggenommen und Nachbarstaaten wie Rumänien und der Slowakei zugesprochen. An diesen Schicksalsschlägen würden die Ungarn innerlich heute noch leiden, so Fábri. Auf der anderen Seite erlebte Ungarn nur relativ kurze Perioden des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen  Aufschwungs, so während es Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie unter Kaiserin Theresia war und später im 19. Jahrhundert. Zuletzt setzten die Ungarn große Hoffnungen in die Systemwende 1989/90. Die liberale Republik brachte der Bevölkerung viele demokratische Freiheiten, aber der soziale Unterbau einer selbstbewussten bürgerlichen Schicht zur Stabilisierung des Staates fehlte. Die Ungarn seien weiterhin der Ansicht gewesen, der Staat müsse für sie sorgen, schilderte Fábri.

Keine Partei, eine Mafia

Nach einigen Krisenjahren aufgrund von Fehlern der sozial-liberalen Regierung, die auch zu Unruhen auf der Straße führten, ergriff Victor Orbán 2006 mit seiner Fidesz-Partei die Gelegenheit zur Machtübernahme. Ab hier wird Péter Fábri immer deutlicher mit seiner Kritik am Staat. „Die Fidesz ist keine Partei, es ist eine Mafia. Der reichste Mann im Land ist heute der Ministerpräsident. Das Geld, das Ungarn von der EU bekommt, fließt in die Kreise von Herrn Orbán.” Orbán mache sich vorhandene Ressentiments seiner Landsleute gegenüber Ausländern zunutze und schüre Ängste vor einer neuerlichen Fremdbestimmung der Ungarn. Kräfte der Aufklärung, wie Akademien und Universitäten werden deshalb in ihren Freiheiten eingeschränkt. Nicht zuletzt deswegen seien momentan rund 500.000 Jugendliche in westliche Länder ausgewandert, von denen Fábri nicht mehr erwartet, dass sie je nach Ungarn zurück kommen.

Hoffnung auf die Europäische Union

Während etwa 80 Prozent der Bevölkerung in Umfragen sagen würden, sie fänden die EU gut, würden 40 Prozent die Fidesz wählen. Dies ist nicht der einzige Widerspruch in seinem Land, an dem Péter Fábri derzeit zu verzweifeln scheint. Dennoch setzt er seine Hoffnungen weiterhin in die Kraft und die Werte der Europäischen Union, die eines Tages auch Ungarn mit sich ziehen mögen. Diesem pro-europäischen Appell schlossen sich in ihren Schlussworten auch die Schulleiterin, Gabriele Franke und der Fachlehrer Tobias Naber an.

Alexander Boguslawski

Den Text des Vortrags finden Sie hier.

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Großes Europa-Quiz erfolgreich beendet

Was ist viel? Was ist wenig? Zum Beispiel sind 100 Euro im Vergleich zu einem Euro ziemlich viel – während die gleichen 100 Euro, sagen wir z.B. im Vergleich zu einer Trillion eher wenig sind.
Wir jedenfalls sind sehr zufrieden, dass  an unserem Quiz 145 Personen teilgenommen haben, zum Teil wurden die Fragen auch im Unterricht bearbeitet Wir interpretieren diese Teilnahme übrigens auch als eine Sympathiekundgebung für ein einiges, friedliches und freies Europa, wie es in einigen der Quizfragen postuliert wurde.
66 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben alle Fragen richtig beantwortet. Unter ihnen haben wir am 4. April in der Stadtbibliothek mit mithilfe der Glücksfee Sarah Gantenbein, Bibliothekarin an der Stadtbibliothek, 33 ausgelost. An eine Teil dieser Personen haben wir bei der Veranstaltung „Für ein Europa der Bürgerinnen und Bürger” am 11. April um 19:00 Uhr im Rolf-Engelbrecht-Haus die Preise übergeben können. Die restlichen haben wir verschickt.
Nochmals herzlichen Dank an alle, die zum Gelingen beitragen haben, alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer und die Sponsoren.

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Post aus …

In der folgenden Rubrik kommen Leute zu Wort, die außerhalb unseres germanischen Horizonts in Europa leben und wirken und die mit Weinheim oder mit Weinheimerinnen und Weinheimern zu tun haben.  Den ersten Brief,schrieb uns Peter Fábri aus Budapest. Dann berichtete Teresa Jurado aus Madrid und heute gibt es einen Bericht aus

…Burgund

Von dort schreibt uns der Weinheimer Dieter Maupai:

Wie zu Beginn eines jeden Sommers haben wir unser Domizil wieder in Burgund aufgeschlagen. Seit nunmehr 50 Jahren ist Augustodunum, wie Autun zur Römerzeit hieß, unsere zweite Heimat. Von unserer Gartenterrasse blicken wir auf die Stadt und auf die prächtige romanische Kathedrale mit ihrem weltberühmten Tympanon und den nicht minder berühmten Kapitellen des Bildhauers Gislebertus

Drei große Themen beherrschen im Augenblick die politische Diskussion nicht nur in Autun, sondern in ganz Frankreich:  Der verheerende Brand der Kathedrale Notre-Dame in Paris und deren geplanter Wiederaufbau,
die Antwort des Staatspräsidenten Emmanuel Macron auf die von ihm angeregte „große Debatte” als Reaktion auf die Proteste der „gilets jaunes”, der Gelbwesten und die bevorstehende Wahl zum Europäischen Parlament.

Notre Dame des Paris – Unsere liebe Frau von Paris

Der Brand der weltbekannten Kathedrale Notre-Dame von Paris hat nicht nur in Frankreich und Europa allgemeine Betroffenheit ausgelöst, sondern auch eine Welle nationaler und internationaler Solidarität hervorgerufen.
Noch am Abend des Unglücks sind Spendenankündigungen über mehrere Hundert Millionen Euro eingegangen und man hatte den Eindruck, dass das politisch und gesellschaftlich tief gespaltene Land angesichts dieser nationalen Katastrophe wieder zusammenfinden würde. Aber der Waffenstillstand zwischen den politischen und gesellschaftlichen Kräften hielt nicht lange. Die Gelbwesten-Bewegung sah in der zu großen Teilen steuerlichen Absetzbarkeit der Spenden eine zusätzlich Bevorteilung der Superreichen und forderte Präsident und Regierung auf, stattdessen eher die Steuern für die Geringverdienenden zu senken. Außerdem regte sich vor allem in der Provinz der Prostest, weil dort historische Baudenkmäler in großer Zahl verfallen, ohne dass ihnen eine ähnliche finanzielle Unterstützung zugute käme, wie das nun bei Notre-Dame der Fall sein soll.

Auch die Ankündigung von Präsident Macron, die Kathedrale in fünf Jahren wieder aufzubauen, stößt auf den Widerspruch von Architekten und Denkmalschützern, für die der Grundsatz gilt: Gründlichkeit vor Schnelligkeit. Und auch um die Art und Weise des Wiederaufbaus ist schon ein Streit ausgebrochen: soll Notre-Dame historisch getreu restauriert werden, also mit einem Dachstuhl aus Eichenholz oder doch besser aus Beton – und soll der Spitzturm der Moderne Rechnung tragen oder nicht? Über all diese Fragen hat dann schließlich eine Kommission zu entscheiden, wobei in Frankreich – wenn es um nationale Prestige-Architektur geht – der Präsident immer das letzte Wort hat, wie das Beispiel der Louvre-Pyramide zeigt.

Quadratur des Kreises?

Die durch die Brandkatastrophe verzögerte Antwort von Präsident Macron geht zwar nicht auf zentrale Forderungen der Gelbwesten ein (Wiedereinführung der Reichensteuer ISF sowie Einführung eines von den Bürgern initiierten Volksbegehrens RIC), macht aber in steuerlicher Hinsicht deutliche Zugeständnisse. Moins d’impôts et plus de service public
(Weniger Steuern und mehr staatliche Dienstleistungen) – also auf der einen Seite weniger staatliche Einnahmen und auf der anderen Seite mehr staatliche Ausgaben. Ob diese Quadratur des Kreise gelingen wird, scheint mehr als fraglich.
Aus deutscher Sicht fallen zwei zentrale Begriffe in der präsidialen Ansprache auf: l’art d’être français und le patriotisme inclusif, also die „Kunst französisch bzw. Franzose zu sein” und „der inklusive Patriotismus”. Die erste Formulierung fasst dabei alles zusammen, was man unter französischer Identität verstehen könnte und ist ein Appell an die gemeinsamen Werte, welche die französische Nation einen. Angesichts der gegenwärtigen sozialen und politischen Zerrissenheit ist das ein Aufruf zur Überwindung der Gegensätze. Es ist aber auch zugleich eine Abgrenzung gegenüber all denen, die sich nicht auf diese französische Identität berufen können, also ein Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung der Rechten.
Gleichzeitig aber fordert Macron einen „inklusiven Patriotismus” an herausgehobener Stelle seiner Ansprache, nämlich am Schluss. Abgeleitet ist diese Begriff von der gendergerechten Rechtschreibung, die im Französischen écriture inclusive heißt. Gemeint ist damit, dass die Vorherrschaft des männlichen Geschlechts in der Orthographie (z.B. bei den Pluralformen, die für beide Geschlechter gelten: z.B. Bürger, was auch Bürgerinnen einschließt) gebrochen wird. Auf den Patriotismus bezogen bedeutet das, dass nicht nur alteingesessene Franzosen (les Français de souche) die nationale Identität bestimmen, sondern auch diejenigen, die erst vor Kurzem zur Nation dazugestoßen sind. Und das wiederum dürfte der nationalen Rechten überhaupt nicht gefallen. Insgesamt lässt sich also sagen, dass Macron seiner Politik des „Sowohl als auch” treu bleibt.

Kopf an Kopf bei den Europawahlen

Was die bevorstehenden Europawahlen anbelangt, so befindet sich der französische Präsident in einer Sondersituation. Seine von ihm gegründete Bewegung La République en marche ist als Partei im Europaparlament noch nicht vertreten und muss sich erst noch ihren Platz dort suchen (welcher Fraktion schließt sie sich an?). Nicht nur als Verfechter der europäischen Idee, sondern auch als Dauerwahlkämpfer hat sich Micron in einem offenen Brief an die europäischen Wähler gewandt. In Frankreich ist seine Bewegung die einzige, die sich ohne wesentliche Vorbehalte für die Europäische Union einsetzt. Auf der entgegengesetzten Seite der Skala europäisch – antieuropäisch befindet sich Marine Le Pens Partei Le Rassemblement National, welche zusammen mit zwei kleineren Formationen die EU (und ursprünglich auch den Euro) ablehnt. Dazwischen sind sämtliche Schattierungen vorhanden.
Die Meinungsforschungsinstitute sehen zwei Parteien fast gleichauf: Macrons LRem mit 23% und Le Pens Rassemblement National mit 22%. Das entspricht übrigens fast genau dem Ergebnis, das die beiden im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen 2017 erzielt haben. Die Konservativen bringen es auf 14%. Die Grünen und Mélanchons La France insoumise liegen mit etwa 8% gleichauf. Abgeschlagen dagegen die Sozialisten mit ungefähr 6%. Die nächsten Tage und Wochen werden zeigen, inwieweit die Parteien das in Frankreich traditionell träge Wahlvolk (sofern es sich nicht um die Wahl des Präsidenten handelt) mobilisieren können.

Dieter Maupai, geboren in der Südpfalz, verheiratet mit einer Französin, zwei Kinder. Studium der Germansitik und Romanistik, Fremdsprachenassistent in Autun (Burgund). 40 Jahre Gymnasiallehrer im Raum Weinheim. Zahlreiche Frankreichreisen mit schülern und erwachsenen. Lehrtätigkeit im Rahmen des Deutsch-Französischen Jugendwerks und der Volkshochschule.

 

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Und Post  … von oben

Miteinander für Europa

Noch vor der ersten Veranstaltung von „Pulse of Europe in Weinheim gab es am 24.März 2017 auf dem Marktplatz einen „Aussendungsgottesdienst der Bewegung „Miteinander für Europa. Die Rednerinnen und Redner nahmen ausdrücklich Bezug auf die Heidelberger “Pulse-of-Europe-Bewegung und gingen zurück zu den Quellen, wenn sie Robert Schumann und die Römischen Verträge zitierten. Noch weiter zurück ging ein biblischer Text, in dem man hören konnte, warum der Apostel Paulus seinerzeit von Kleinasien in Richtung Mazedonien, heutzutage immerhin aussichtsreicher Beitrittskandidat der EU (nachdem sie mit den Griechen ihren Namensstreit beendet haben). Bis dann erst die Römer und dann der Apostel der Deutschen Bonifatius und Kilian, der der Franken, nach Germanien kamen… wie es Karl der nicht übermäßig große mit den Sachsen hielt, ist eine andere Geschichte. Ob die wiederum damit zu tun hat, dass in Sachsen die europafeindliche AfD stärkste Partei werden könnte, sei in der Abteilung Ironie der Geschichte abgelegt.

Eine Initiative von mehr als 300 christlichen Gemeinschaften für Europa

Wir wollten von den Initiatoren, den beiden Weinheimer Pfarrern  Gerhard Schrimpf und Stephan Sailer wissen, was das für eine Bewegung sei und sie machten und auf diese Website aufmerksam
Dort lesen wir, und wenn Sie dies wollen auch Sie, was sich hinter dem Aufruf zum Miteinander für Europa verbirgt:
Es ist dies „eine Initiative von europaweit mehr als 300 christlichen Gemeinschaften und Bewegungen verschiedener Kirchen. Als eigenständige Gruppierungen bilden sie ein Netzwerk, das sich für gemeinsame Ziele einsetzt, wobei das je eigene Charisma zum Tragen kommt.
Diese Initiative ist Frucht starker gemeinsamer Erfahrungen. Die Gemeinschaften und Bewegungen – unterschiedlich wie die Kulturen, Sprachen und Regionen Europas – schaffen untereinander, stets im Respekt vor der Verschiedenheit, gemeinschaftliche Beziehungen.
Miteinander für Europa möchte einer notwendigen “Kultur der Gegenseitigkeit” entsprechen. Sie beinhaltet, dass Einzelne und Völker sich gegenseitig willkommen heißen, sich kennen lernen, sich versöhnen, lernen sich zu schätzen und einander zu unterstützen.”
Gemäß dem Motto, der Geist weht wo er will, kam es im Sommer 2017 zu den Pulse od Europe-Versammlungen auf dem Marktplatz, damals vor allem auch angesichts der Gefahr, dass in Frankreich Europafeinde bei den Präsidentschaftswahlen die Oberhand gewinnen könnten. Im Frühjahr 2018 schien es dann einigen Weinheimer Bürgern geraten, dem Pulse neuen Atem einzuhauchen und es zur Gründung der Initiative „Doch Europa!”

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Das Porträt

Dieter Maupai

ein Weinheimer Franzose im Interview

Da ist die Geschichte vom Vater, Jahrgang 1906, der lieber 20 Kilometer zu Fuß ging, als die Bahn zu benutzen, nachdem diese vom französischen Staat übernommen worden war – und die Familie der vor bald 50 Jahren angetrauten französischen Ehefrau war zunächst nicht hocherfreut über den deutschen Brautwerber. Das hat sich geändert, dennoch hat Dieter Maupai, der Pfälzer mit dem französischen Namen, ein kleines Buch veröffentlicht, in dem er versucht, dem deutschen Publikum den „Nachbarn Frankreich“ näher zu bringen. Partnerschaftsvereine sind froh darum, weil sie verstehen, warum es nicht immer ganz einfach ist, sich zu verstehen. Die Unterschiede zwischen den Nachbarn sind doch weit gravierender, als unsereins Normalo das landläufig annimmt. Der Woinemer Euroletter wollte es genauer wissen.

Herr Maupai, welches waren die Gründe dafür, vor einem Jahr diese Schrift zu veröffentlichen?

Meine Erfahrungen mit Frankreich umfassen inzwischen ein halbes Jahrhundert und so lange kenne ich auch meine Frau, die aus Burgund stammt. Meine zweite Heimat ist deshalb auch Burgund und mein zweiter Personalausweis ein französischer. In einer deutsch-französischen Ehe wird man sich natürlich auch der Gemeinsamkeiten bewusst, die zwischen beiden Ländern bestehen. Wesentlich mehr fallen jedoch die Unterschiede ins Gewicht, die auch Anlass zu unzähligen Diskussionen innerhalb der Familie geben. Das Büchlein stellt nicht nur eine Art Zusammenfassung all dieser Diskussionen dar, sondern ist auch eine Art Vermächtnis an unsere beiden Kinder, die in beiden Sprachen und Kulturen aufgewachsen sind.

Das französische Erziehungssystem unterscheidet sich grundsätzlich von dem deutschen. Inwiefern?

Ich bin froh, dass unsere beiden Kinder das deutsche, und nicht das französische Schulsystem durchlaufen haben. In französischen Schulen geht es wesentlich strenger, disziplinierter und lehrplanorientierter zu. Schon in der Vorschule lernen die Kinder im Alter von drei Jahren, sich der Autorität der Lehrkräfte unterzuordnen und sich in die Gesellschaft einzugliedern. Schon Bald nach der Grundschule setzt ein Selektionsdruck ein, der durch die vielen Lernzielkontrollen und Prüfungen aufrecht erhalten wird. Deshalb verhalten sich französische Schüler im Unterricht viel passiver als deutsche. Sie schreiben mit und lernen dann ihre Aufzeichnungen möglichst auswendig. Die Abiturprüfung ist landesweit einheitlich, die Erfolgsquote liegt bei etwa 90%. Jeder Zehnte besteht die Prüfung nicht, in Deutschland wäre das eine Katastrophe.

Sie heben die Integrationsleistung dieses Systems hervor. Hat es auch Schwächen, wenn man z. B. an die Aufstände in den Banlieues denkt?

Das System beruht auf Einheitlichkeit und Gleichheit. Es bietet allen Schülern, egal in welchem Teil des Landes und egal welcher Herkunft, die Möglichkeit eines sozialen Aufstiegs durch Bildung. Eine besondere Rolle bezüglich der Eingliederung der Migranten in die französische Gesellschaft nimmt dabei das Fach Geschichte ein (das mit dem Fach Erdkunde gekoppelt ist) und bereits in der Grundschule unterrichtet wird. Hier entsteht im Laufe der Zeit eine französische Identität, die sozusagen den Kitt der französischen Nation bildet. Unzählige Migranten hat das System auf diese Weise in die französische Gesellschaft integriert, so z.B. den ehemaligen Staatspräsidenten Sarkozy. Wer sich aber der durch das System vorgegebenen Norm nicht fügt oder dem Selektionsdruck zum Opfer fällt, der wird leicht zum gesellschaftlichen Außenseiter.

In Frankreich ist die Geschichte, vor allem die des eigenen Landes, gerade zu heilig. Warum?

Der Franzose ist stolz auf seine Geschichte. Anders als die deutsche Geschichte ist sie einheitlich und weist keine Bruch auf (keine „Stunde Null“). Auch die Revolution wird nicht als Bruch empfunden.

Inwiefern ist die Französische Revolution kein Bruch und wie wird dieser Stolz begründet?

Nicht nur die Symbiose der französischen Nationalflagge zeigt, dass dieses einschneidende Ereignis letztendlich nicht als Bruch angesehen wird: Blau und Weiß für das aufständische Paris und Rot für das Königshaus.Für viele Franzosen prägen Heldengestalten sowohl vor als auch nach der Revolution das Bild, das sie von ihrer Geschichte haben. Charlemagne (Karl derGroße), Jeanne d‘Arc, der Sonnenkönig Ludwig XIV., Napoléon I. und der General de Gaulle gehören zu den Gestaltern der glorreichen Vergangenheit. Die dunklen Epochen der Geschichte (z.B. die Kollaboration und der Algerienkrieg) wurden in dem sogenannten „Roman der Geschichte“ relativ lange ausgeblendet und verhindern so, wie es der Politologe Alfred Grosser ausdrückt, „Bitterkeit und Selbstzerfleischung“ im Rückblick auf die Geschichte.

Ein Ergebnis dieser Geschichte ist der französische Laizismus. Wie kam es dazu?

Vorgezeichnet ist der Laizismus natürlich in der französischen Revolution, die Religion aus dem Leben der neuen Republik verbannt hat. Eigentlicher Anlass für die Aufnahme des Prinzips von strikter Trennung von Kirche und Staat war jedoch zu Beginn der Dritten Republik das Verhalten der katholischen Kirche, die sich in der Dreyfuss-Affaire durch ihren Antisemitismus und ihren Antirepublikanismus völlig bloßgestellt hatte. Das herausragende Merkmal des Laizismus aus deutscher Sicht ist die Tatsache, dass es in Frankreich keine Kirchensteuer und keinen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen gibt (Ausnahme: Elsaß und Département Moselle). Die Kirchen befinden sich in Staatseigentum, Pfarrer werden von den Gläubigen bezahlt und das Tragen religiöser Symbole wie Kreuz, Kippa, Kopftuch oder Ordenstracht in den (öffentlichen) Schulen ist verboten. Ein Kreuz in einem Gerichtssaal – wie das in Deutschland manchmal beobachtet werden kann –ist undenkbar und wäre sogar verfassungswidrig.

Frankreich gilt als zentralistischer Staat. Welches sind die Vor-und was die Nachteile  dieses Zentralismus?

Der nachrevolutionäre Zentralismus dient der Durchsetzung der égalité und der Zerschlagung traditionell gewachsener regionaler Identitäten. Grundlage dafür ist eine starke und zentral ausgerichtete Steuerung; diese erfolgt in der katholischen Kirche in Rom, in der französischen Republik in Paris. Das Prinzip der égalité gewährt eine Gleichbehandlung aller auf dem gesamten Staatsgebiet, sorgt also für eine gewisse Horizontalität. So paradox das auch klingen mag: im französischen Zentralismus sind beide Prinzipien vereint.

Was bedeutet dieser Zentralismus für die Weiterentwicklung Europas?

Mit dem französischen Zentralismus und dem deutschen Föderalismus stehen sich zwei historisch bedingte gegensätzliche Prinzipien gegenüber. Während man sich in Deutschland einen föderalistischen europäischen Bundesstaat sehr wohl vorstellen kann, steht man einem solchen Staatsmodell äußerst kritisch gegenüber. Die Aufgabe von Souveränität zugunsten einer dem Nationalstaat übergeordneten Kompetenz lässt sich in Frankreich nur sehr schwer vermitteln. Wie schwierig es in Frankreich ist, die Verlagerung von mehr Kompetenzen an Europa durchzusetzen, hat die Ablehnung der EU-Verfassung durch die Volksabstimmung 2005 gezeigt. Die Avancen von Präsident Macron in Richtung Europa werden von großen Teilen der Opposition bereits heftig kritisiert.

Wodurch unterscheidet sich französischer und deutscher Nationalismus?

Es gibt eine einfache Antwort auf diese Frage: durch die 12 Jahre des „Tausendjährigen Reiches“ im Besonderen und durch die jüngste Geschichte im Allgemeinen. Alles, was in Deutschland auch nur im Entferntesten mit Patriotismus oder Nationalismus in Verbindung gebracht werden kann, wird sofort mit der Ideologie des Nationalsozialismus assoziiert.
In Frankreich nährt sich der Patriotismus (ich möchte nicht von Nationalismus sprechen, weil gerade wir den französischen Patriotismus gerne mit Nationalismus gleichsetzen) aus der leidvollen Erfahrung mit dem deutschen Nachbarn. Dreimal ist dieser in Frankreich eingefallen (1870, 1914 und 1940) und dreimal mussten die Franzosen ihr Land gegen den Eindringling verteidigen. Das ist einer der Gründe dafür, dass in Frankreich – im Gegensatz zu Deutschland – alles Militärische hohes Ansehen genießt.

„L‘amour, toujours l‘amour“ ist eines Ihrer Kapitel überschrieben. Was steht da drin?

Dass Paris die Stadt der Liebe ist, wissen wir nicht nur dank Tausender Chansons. Vor allem durch das Zeremoniell am Hof von Versailles wurde die Liebe verfeinert, so dass sich in Frankreich ein raffinierter Liebeskodex herausgebildet hat. Und wer kennt nicht die Maitressen des Sonnenkönigs, dessen Vorbild auch vielen Präsidenten der Fünften Republik dazu gedient hat, sich in der Disziplin des Seitensprungs besonders hervorzutun. Beispiele aus den amoureusen Abenteuern der ehemaligen Präsidenten François Mitterrand, Jacques Chirac, François Hollande und Nicolas Sarkozy belegen diese Aussage.

Hat sich da etwas seit der Affäre Strauss-Kahn geändert?

In gewisser Weise ja, vor allem aber auch wegen der #Metoo-Debatte und deren französischer Ausprägung #BalanceTonPorc. Sexuelle Übergriffe können nicht mehr so einfach vertuscht werden, wie das früher der Fall war. Die betroffenen Frauen sind selbstbewusster geworden und suchen häufiger die Öffentlichkeit. Das ändert aber nichts daran, dass Erotik, Verführung und anspielungsreiche Formulierungen weiterhin Bestandteil im Umgang der beiden Geschlechter miteinander sind.

Zum Schluss noch die Frage, ob Sie einen oder auch zwei Romane empfehlen können, die uns den Nachbar Frankreich literarisch erfahrbar machen?

Ich möchte hier zwei Romane nennen, die aus vollkommen unterschiedlichen Perspektiven einen kritischen Blick auf Frankreich werfen. Da ist zunächst das 2015 erschiene Werk Soumission (deutsch: Unterwerfung) von Michel Houellebecq zu nennen. Es handelt sich dabei um eine politische Fiktion über das Frankreich im Jahr 2022, das von einem islamischen Präsidenten regiert wird. Und dann ein autobiographischer Essay von Edouard Louis mit dem Titel: Qui a tué mon père (deutsch: Wer hat meinen Vater umgebracht) aus dem Jahr 2018, der mit dem gegenwärtigen politischen System abrechnet. Die letzten Zeilen des Essays werden dem Vater in den Mund gelegt und lauten: „Ich glaube, was es bräuchte, das ist eine ordentliche Revolution.“

Vielen Dank für das Interview

Dieter Maupai, Nachbar Frankreich, Ein kleiner Leitfaden für ein besseres Verständnis zwischen Deutschen und Franzosen, Amazon 2018, 5,99 €.

Das Buch ist vor Ort in den Buchhandlungen Beltz und Schäffner erhältlich.

Interview: Adalbert Knapp

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Unsere Bücher zu Europa

Europa auf der Couch

Der Politikwissenschaftler Andre Wilkens schreibt ein flammendes, kurzweiliges Plädoyer über die europäische Union.
Er,  der als  Praktikant 1992 aus Ostdeutschland mit seinem alten Lada erstmals nach Brüssel kommt, um bei der EU zu volontieren und von da an in den Fängen der europäischen Gemeinschaft bleibt, lässt uns teilhaben an seinen persönlichen Europaerfahrungen. Nach einem Studium in London, beruflichen Stationen unter anderem in Turin, Genf, Berlin  und Brüssel, verheiratet mit einer Engländerin, verkörpert er ein vereinigtes Europa in bester Weise.
Sein Buch möchte animieren, Europa wieder lieben zu lernen. Geleitet von seinen persönlichen Erfahrungen plaudert er über europäische Architektur, Kaffeekultur, das Erasmusprogramm und Fußball. Was könnte Europa nicht allein von den Strukturen des europäischen  Fußballs lernen, dem es vorbildhaft gelungen ist, eine länderübergreifende Hierarchie zu schaffen, ohne lokale und nationale Identitäten zu zerstören.
Andre Wilkens gibt auf unterhaltsame Art Einblick in die Strukturen der EU Behörde und sucht Erklärungen, warum sich die Engländer mit der EU so schwer tun. Die Europa Union, als depressive Tochter eines multipolaren Vaterlands und des europäischen Kontinents als Mutter, setzt er zu Freud auf die Couch. Ein unterhaltsames Gedankenspiel, das die Problematik der konkurrierenden Identitäten gut auf den Punkt bringt.
Seiner Ansicht nach muss Europa neu erzählt werden: besser, spannender, persönlicher – von Menschen in Europa. Dieses Buch erinnert uns: Ein Leben ohne EU ist möglich, aber de facto nur schwer vorstellbar.

Silvia Mayer, Buchhandlung Schäffner

Andre Wilkens, Der diskrete Charme der Bürokratie
Gute Nachrichten aus Europa
S.Fischer Verlag, 320 Seiten,  20.-  €

Fragen an Europa

Huch, ich gehöre also zu den 111 Millionen über 65 und außerdem zur Minderheit der Männer in Europa? Wie kann ich da über ein Buch reden bzw. schreiben, das sich an die Zukunft Europas, die Jugend wendet? Wohl einfach deshalb, weil ich es ziemlich cool finde. Gesine Grottian & Susan Schädlich, eher unkonventionelle Schreiberin die eine und Künstlerin die andere, haben mit einem richtigen Jugendbeirat von 14- bis 19- (ganz schön alt!) Jährigen danach gefragt, was wir sind, woher wir kommen, ob wir friedlich sind oder nicht und wer am besten Fußball spielt in Europa. Und sie haben den Alltag und all die Fragen erwischt, die nicht nur junge Leute interessieren.

Das Ganze beginnt schon einmal damit, dass sie Europa auf den Kopf stellen und es purzeln die Fragen nur so heraus, 60 an der Zahl.
Wir erfahren, in welchem Land die Menschen besonders alt werden, wie das mit den Menschenrechten ist, wir lernen, das finde ich jetzt wirklich interessant, ehrlich, wo die Leute am meister Schokolade essen, allerdings ist der Zusammenhang mit der Zufriedenheit in diesen Ländern, eine Seite vorher, nicht signifikant: Obwohl sie ganz wenig Schokolade essen, sind z. B. die Tschechen nicht weit weg von den Deutschen, glücksmäßig. Der geübte Polito- bzw. Soziologe und auch die -In wird sich über die vielen ganz unkonventionellen Fragen ebenso freuen wie über die, die unbedingt sein müssen: Migration und ihre Ursachen, Finanzkrise, Staatsschulden, Populismus, Geografisches, was z. B. die Donau einzigartig macht, Esskulturelles etc. Der Geschichtsinteressierte und –bewusste ist froh, dass die Vergangenheit ausführlich vorkommt, z. B. dass Europa einmal fast die ganze Welt kolonisiert hat und wer die Idee für die EU hatte. Ein Tolstoi- oder Dostojewski-Leser ist dankbar, wenn deutlich wird, dass Russland ein Teil Europas ist: So stellte es sich der französische Präsident Charles de Gaulle vor: Europa vom Atlantik bis zum Ural.

Eigentlich gibt es nichts zu meckern, außer vielleicht, dass man nichts erfährt darüber, wie das mit der Wirtschaftskraft ausschaut. Oder es könnte sich der oder die, die die aktuellen Krisen betrachtet, dafür interessieren, wie hoch die Militärausgaben in Europa und weltweit sind. Aber dafür gibt es ja das Netz, auf das jung und alt gleichermaßen zugreifen können.
Also, roundabout: Schauen Sie rein, Sie werden immer weiterblättern ob mit 14 oder erfahrungsgesättigten, sagen wir 75 Jahren. Den Monats-LUCHS (ZEIT/ Radio Bremen), und den EMYS-Sachbuchpreis gab es völlig zu Recht.

Adalbert Knapp

Gesine Grotrian / Susan Schädlich
Fragen an Europa
Verlag Beltz, gebunden € 16,95, E-book € 15;99

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Texte: Alexander Boguslawski, Roland Kern, Adalbert Knapp, Dieter Maupai, Silvia Mayer

Bilder:  Adalbert Knapp, Norbert Kramer, Dieter Maupai

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